Soiree „Irgendwas mit vielen Schleiern“

Die GEDOK Frankfurt Rhein Main präsentierte diesen spannenden Abend, dessen Schwerpunkt in der Auseinandersetzung der Klischees, Fantasien und der Realität des Schleiers lag:

 

Das seit der Mitte des 13. Jahrhunderts belegte mittelhochdeutsche slogier, sloiger, sloier, sleiger, slei(e)r ist etymologisch ungeklärt. Am nächsten kommt das mittelniederländische Substantiv sloien ’schleppen und schleifen’und sloi, sloie ‚die Kleiderschleppe‘ an Schleier heran. Eine zeitlich mögliche Entlehnung von Sache und Wort aus einer orientalischen Sprache lässt sich nicht nachweisen. Der Schleier gilt seit urdenklichen Zeiten als Symbol der Dunkelheit, des Vorbewussten, Nicht-Aufgeklärten, der Unwissenheit. Der Schleier als Symbol der Unterwerfung und des Gehorsams und als Symbol der Vermählung mit Christus. Der Schleier als Metapher der Bescheidenheit, Keuschheit sowie Verzicht auf weltliche Dinge und gegen böse Geister.(…) (Auszug aus dem Text der Performance von Cornelia F.Ch. Heier – bildende Künstlerin)

 

Szenenwechsel. Anruf eines potentiellen Kunden.

 

„Haben Sie denn eine Vorstellung über den Tanz, den ich Ihnen zeigen soll?“ „Ja, irgendwas mit vielen Schleiern.“

 

Wer von uns Tänzerinnen hat das noch nicht gehört? Wenigstens einmal wollte ich dem europäischen Publikum diesen Wunsch erfüllen und einen ganzen Abend zum Thema Schleier gestalten. Das Ergebnis ist die Soiree „Irgendwas mit vielen Schleiern“ – der ursprüngliche Arbeitstitel wurde Programm. Als Mitglied der GEDOK Frankfurt Rhein Main (www.gedokfrankfurtrheinmain.de) initiierte ich das Projekt unter dem Dach der GEDOK, dem Verband der Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstförderer e.V., gemeinsam mit Cornelia F.Ch. Heier und Mellany Amar.

 

Schutz, Zeichen und Symbol. Expression, Emigration und Statement.

 

Der Schleier, ein hauchdünnes, semitransparentes Dekorations- und Inszenierungsmaterial. Accessoire für Gelegenheiten und Blickschutz vor den Fenstern. Eine Nebelschwade von Wörtern in Politik, Journalismus und Wirtschaft. Im häuslichen Leben, wie in der persönlichen Erinnerung legen sich Schleier, von Grau bis Gelb, dicht auf alles nieder. Munter wird dekuvriert, entlarvt, demaskiert und offengelegt, es wird zutagegefördert, enthüllt und enttarnt, den Schleier indes berührt die Entdeckung wenig.(…)

Zuschauermeinung E. Ulshöfer

Als ich den Titel der Ankündigung las, musste ich schmunzeln und war neugierig, obwohl ich nicht unbedingt ein großer Schleier-Fan bin. Das klang nach etwas Anderem als den üblichen Shows, zumal außer zwei Tänzerinnen noch eine weitere Künstlerin involviert sein würde.

 

Der Blick auf das Programm ließ bereits die Vielfalt der Tanzmöglichkeiten mit Schleiern verschiedener Art erahnen. Außer den schönen ausgefeilten Schleiertänzen wie man sie erwartet hatte – Melaya, „klassisch“, 40er-Jahre – die durch das Gesamtkonzept neue Bedeutung erlangten und auf einmal anders aussahen, gab es auch einige ganz andere. Besonders beeindruckt haben mich zwei Tänze – der Tanz der Salome und ein Tanz mit Isis-Wings.

 

Mit Letzteren kann ich wenig anfangen, oft ist man schnell vor lauter Glitzer und Tamtam blind und taub. Nicht so heute, als die Tänzerin schlicht die Musik wegließ – und nichts fehlte. Einzig begleitet von Klängen, die beim Tanzen entstehen – rascheln, klappern, atmen -, entfaltete der Tanz eine ungeahnte Kraft. Wer bei „Salome“ hingegen an ein Agglomerat von Orient-Exotismus-Stereotypen unter Zuhilfenahme von sieben Schleiern dachte, hatte weit gefehlt.

 

Hanan Kadur überraschte mit einer an Wilde und Strauss orientierten Tanztheater-Performance, die ihresgleichen sucht. Spätestens an dieser Stelle musste jeder von der Vorstellung befreit sein, dass der Tanz mit dem Schleier zu den unverfänglichen, lieblichen Spielarten gehört. Ich fühlte mich an Bilder und Aufnahmen der Modern-Dance-Pionierinnen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts erinnert – so etwas hatte ich schon immer sehen wollen.

 

Es gab keine eigentliche Moderation, vielmehr wurden teilweise zwischen den Tänzen – ohne zwangsläufigen Zusammenhang mit ihnen – von Passagen über etymologische Herkunft und Anwendung des „Schleiers“ vorgetragen und das Publikum zum Nachdenken und Assoziieren eingeladen. Gerade das unverbundene Nebeneinander der Tänze und des gesprochenen Wortes erzeugten eine große Spannung und ich erlebte mich in einer andersartigen Aufmerksamkeit als bei „normalen“ Tanzshows. Vermutlich hat sich jeder ein anderes Stück und andere Verbindungen zusammen gesponnen aus dem, was Auge, Ohr und Kopf angeboten wurde. Selten hat mich ein Tanz-Abend so lang und auf so merkwürdige Weise beschäftigt.